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Steinbrecht - Wer versteht, was er hier meint?

Diskutiere Steinbrecht - Wer versteht, was er hier meint? im Dressur Forum; Ich meine, als Leitlinie hätte man die Kultivierung der natürlichen Pferdebewegung in eine sportliche ausgewogene Nutzbarkeit für die Reiterei...

  1. Wuscheli

    Wuscheli Korrektur-Schüler

    Ich meine, als Leitlinie hätte man die Kultivierung der natürlichen Pferdebewegung in eine sportliche ausgewogene Nutzbarkeit für die Reiterei unter einem sportlich in eigener, vom Pferd losgelassener Balance befindlichen Reiter herausgefiltert.
    Dadurch können Höchstleistungen in jedem Bereich erzielt werden, je nachdem, was für das jeweilige Pferd-/Menschpaar in einer für die Aufgabe günstigen Bewegungsform erreichbar ist.

    Am Beispiel Skifahren: man kann sich auch mit Kraftaufwand über den Po drehend den Berg hinunterhebeln, die dazugehörige Höchstleistung wird aber hinter den Möglichkeiten einer geschmeidig der Linie angepassten Haltung und Bewegung durch den ganzen Körper hindurch zurückbleiben.

    Reiten ist vermutlich auch die einzige sportliche Aktivität, in der man über die beste Reithaltung uneinig ist. Einfach, weil das Pferd viel kompensieren kann und einen nicht so schnell abschießt wie ein falsch ausgerichteter Ski.

    Man erreicht in den „Kunstformen“ auch beachtliches. Deshalb wäre vielleicht die offene Definition der einzelnen Wege und Möglichkeiten schon für Einsteiger wirklich nicht schlecht.
    Das Zusammengewurschte unter einem ja leider fiktiven Oberziel schafft jedenfalls viel Enttäuschung, wenn man merkt, dass man viel Zeit auf dem Holzweg verbracht hat für sein gewünschtes Ziel.
     
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  2. emmaxx

    emmaxx bekannt bissig ... :)

    Weißt Du, Wuscheli, genau diese Gedanken gehen mir auch immer durch den Kopf ... erfinde nix Neues, bevor Du das Alte kennst ... so allgemein gesprochen.

    Eigentlich ist (auch sehr gutes!) Reiten bis zu einem bestimmten Niveau doch relativ einfach ... schwierig wird das Ganze immer dann, wenn selbst das "Einfache" nicht gut gelehrt wird, weil es doch irgendwie anstrengend, mühselig und langweilig ist ...

    Abkürzungswege, Phrasierungen, Schnörkel, persönliche Befindlichkeiten (Reiter + Ausbilder!) kommen hinzu usw. werden dann bemüht ... und schwupps haben wir das momentane "Chaos" in der Reiterwelt, in dem viele schöne Hoffnungen/Talente steckenbleiben ...

    Es ist einfach so, zumindest empfinde ich das so, dass nicht mehr das Reiten zur Freude (inkl. natürlich Gesunderhaltung des Pferdes) ganz deutlich im Vordergrund steht, sondern das Erreichen bestimmter Ziele (in viel zu kurzer Zeit) ...
    Lass mal jemand fernab Turnieren oder anderen Dingen, die "unbedingt" gemacht werden müssen, mit dem Pferd arbeiten ... und man kann nur staunen, wie lange dann wirklich an vielen Sachen getüftelt wird, wie schön das Pferd dann auf einmal "von selbst" mitmacht, wenn ihm die nötige Entwicklungszeit gegeben wird.

    Das wird leider heute ganz viel vergessen: Das Pferd gibt das Tempo bei der Ausbildung vor ... und NUR das Pferd!
    Weder das nächste Turnier, der zahlende Besitzer, der nächste Ausritt oder was auch immer ...
    Und das ist in heutiger Zeit, wo nicht mehr zum "überleben" geritten wird, ein totales Armutszeugnis.

    Schauen wir mal die jahrelange und sorgfältige (!) Ausbildung der Kavalleriepferde früher an ... da lachen sich die Turnierreiter doch einen Ast drüber ...
     
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  3. kaawa

    kaawa Bekanntes Mitglied

    Hier ist schon wieder so viel geschrieben worden, dass ich nicht mehr auf einzelne Beiträge eingehen mag.

    Ich gehe davon aus, dass jeder, der eine Reitlehre schreibt, die Ideen zu Papier bringt, die er subjektiv für richtig hält. Aus diesem Grund wird er sehr präzise formulieren, was er meint und möchte wörtlich verstanden werden. Es ist völlig absurd anzunehmen, dass jemand eine Anleitung für was auch immer schreibt und dann bewusst seine Worte so wählt, dass der Leser nach Gutdünken hineininterpretieren kann, was damit gemeint sein könnte. Deshalb bin ich überzeugt, dass das „Steinbrecht’sche Gymnasium“ wörtlich zu verstehen ist. Und ich wiederhole noch mal: Das was da steht, ist falsch.

    Wenn heutige Reitlehrer, die selbst nicht damit einverstanden sind, diesen Anleitungen und Begriffen neue Definitionen geben, bei der der Reiter das Pferd weniger „anpackt“, dann handeln sie zwar in guter Absicht, tun der Reiterwelt und den Pferden damit aber keinen Gefallen. Denn es gibt eben immer noch genug Reiter, die die alten Begriffe wörtlich verstehen bzw. vermittelt bekommen und in der Praxis das tun, was die Theorie vermittelt und durch eben diese Theorie in ihrem Tun gerechtfertigt werden. Deshalb ist es notwendig, die Reitlehre neu zu formulieren, wegzukommen von Anleitungen und Begriffen, die sich gegen das Pferd richten, darauf, es gefügig zu machen oder die so schwammig formuliert sind, das im Grunde niemand etwas damit anfangen kann.

    Wenn sich jemand berufen fühlt, eine Reitlehre zu verfassen, dann muss sie so klar und präzise formuliert werden, mit anderen Worten so unzweideutig, dass eine Interpretation des Geschriebenen nicht notwendig ist, weil man das Geschriebene nur so und nicht anders verstehen kann. Es darf nicht sein, dass der Reitschüler einen „Übersetzer“ in Person seines Reitlehrers braucht. Denn zum einen birgt dies die Gefahr, dass jeder Reitlehrer die Theorie nach eigenem Gutdünken auslegt und vermittelt. Die Diskussion hier und Erfahrungsberichte Einzelner zeigt, dass genau das der Fall ist. Der Wunsch richtig reiten zu lernen und einen guten Reitlehrer zu finden, wird so zum Lotteriespiel. Zum anderen schafft es eine ungesunde Abhängigkeit vom Reitlehrer, wenn der Schüler auf dessen Übersetzungen angewiesen ist.

    Die Theorie muss sich allein aus Büchern erschließen lassen. Tut sie es nicht, weil unklar formuliert, dann ist sie das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist. Das macht Reitlehrer ja trotzdem nicht überflüssig, denn natürlich nützt die schönste Theorie nichts, wenn man sie nicht in die Praxis umsetzt. Doch es ist nicht Aufgabe des Reitlehrers, lediglich Anweisungen zu geben und beizubringen, wie und welche „Knöpfe“ man auf dem Pferd „drückt“, wie man es „formt“ und seine natürlichen Reaktionen unterdrückt, weil der Reiter auf „Hilfengehorsam“ besteht. Aufgabe des Reitlehrers ist es vielmehr, den Reitschüler in seiner Körperwahrnehmung und -beherrschung zu schulen und ihn auf das Feedback seines Pferdes zu sensibilisieren. Er muss den Schüler zur Selbstständigkeit erziehen, dahin, dass er von seinem Pferd lernen und auch außerhalb des Unterrichts sinnvoll und gut mit ihm arbeiten kann. Denn keine Rückmeldungen sind so prompt und ehrlich wie die des Pferdes und niemand kann uns so gut reiten lehren wie die Pferde selbst. Wenn man sie nur lässt.
     
  4. emmaxx

    emmaxx bekannt bissig ... :)

    Kaawa, nur zum Abschluss, inhaltlich mag ich mit Dir nicht weiter diskutieren ... kannst Du Dir vielleicht irgendwie vorstellen, dass vor 150 Jahren anders "gesprochen" wurde und die Leute, für die die Bücher geschrieben wurden, ganz andere Grundvoraussetzungen hatten? Dass also die Autoren sehr wohl ihre Leser in der richtigen Weise erreicht haben? Und es da auch keinen Interpretationsspielraum gab, sondern alles glasklar war. (Und das eben nicht immer das ist, was wir HEUTE daraus machen/lesen!)
    Dass ein Steinbrecht oder wer auch immer keine Fibel für grobmotorische ABC-Schützen geschrieben haben?
    Und sich auch nur in dem üblichen Stil ausdrücken konnten?
    Was denkst Du, wie so jemand wohl unsere heutige Sprache/Ausdrucksweise "verstehen" würde?
    Oder was die Leute in 150 Jahren von unserer heutigen Schreibe noch "verstehen"?

    Aber ... das hat jetzt nichts mit der Reiterei sondern einfach dem prallen Leben zu tun ...

    PS: Und eigentlich braucht es gar keine Bücher, um Reiten zu lernen ... :) ... sondern nur nette Menschen am Rande (RL o.ä.), ein gutes Popo-Meter ... und Zeit, Geduld und Demut dem anvertrauten Tier gegenüber ...
     
  5. elfenmaedel

    elfenmaedel Mitglied

    [QUOTE="emmaxx, und Zeit, Geduld und Demut dem anvertrauten Tier gegenüber ...[/QUOTE]
    Dafür einen Daumen hoch!!!!
     
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  6. emmaxx

    emmaxx bekannt bissig ... :)

    Ach, noch einmal zum Thema Wortgebrauch in alten Büchern:

    Hier jetzt auf Seite 123:

    " Diese Biegung kann nur richtig sein, wenn jeder einzelne Wirbel der gesamten Wirbelsäule dabei in Mitleidenschaft gezogen ist ... "

    Da liest der unbedarfte 2000er mit dem heutigen Sprachgebrauch, dass da etwas Schlimmes gemacht wird, wodurch sogar die Wirbelsäule geschädigt wird.

    Sinn der Aussage von Herrn Steinbrecht ist hier aber ganz simpel, dass halt die gesamte Wirbelsäule an der Biegung beteiligt ist.
     
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  7. aquarell

    aquarell Inserent

    hier mal was zu Steinbrecht.

    Gustav Steinbrecht (1808 - 1885) war ein Schüler von Louis Seeger. Er wollte zunächst Tierarzt werden, aber Seeger, der sein großes Talent erkannte, überredete ihn Berufsreiter zu werden. Zunächst leitete er die private Reitschule seines Lehrers, bevor er sein eigenes Institut eröffnete und besonders durch die Ausbildung von Pferden, die Hohe Schule beherrschten, berühmt wurde. Seinem Schüler Paul Plinzner ist es zu verdanken, daß Steinbrechts Aufzeichnungen nicht verloren gingen und als das berühmte Buch: "Das Gymnasium des Pferdes" erscheinen konnten.

    aus: Steinbrecht (reitlehre.de)

    Paul Plinzner wurde schon mit 22 Jahren Leibstallmeister des letzten deutschen Kaisers, eine Spitzenstellung, um die ihn viele Kollegen beneideten. Diese Stellung erwarb er sich durch seine Fähigkeit, Pferde auszubilden, die mit leichtester Hand geritten werden konnten. Willhelm 2 war darauf angewiesen, da er eine Hand wegen eines Geburtsfehlers nur eingeschränkt gebrauchen konnte. Seine Reitweise wurde von seinen Neidern ständig diffamiert. "Plinznern" wurde zu einem Synonym für Riegeln und Zusammenziehen. (Vielleicht wegen dieses, wirklich sehr unvorteilhaften Bildes) Liest man seine Bücher, so kann man die vehemente Ablehnung seiner Methoden nicht verstehen. Es gibt bis heute kaum klarer und besser formulierte Lehrbücher über die Reiterei, wobei zu berücksichtigen ist, daß er nicht über Hohe Schule, sondern von der Ausbildung des Soldatenpferdes und des Kavalleristen redet. Ihm ist zu verdanken daß Gustav Steinbrechts "Gymnasium des Perdes", dessen zweite Hälfte er selbst verfasst hat nicht veschollen blieb.

    aus: Plinzner (reitlehre.de)

    vielleicht sollte man dies mal berücksichtigen

    Und die HdV12 war eine Neufassung der einheitlichen Reitvorschriften (von 1882), da es bis dorthin unterschiedlichen Reit- /Ausbildungsweien von Reiter und Pferd gab.
    Die HdV12 wurde dann 1926 erweitert und nochmals 1937 überarbeitet. In der letzen Form wurden schon wieder einige Punkte vereinfacht. Man darf nie vergessen, daß die HdV12 für Ausbilder verfasst wurden. Ähnlich wie der Richtlinien der FN, besonders Band 2 ( in der neuesten Ausgabe ist es etwas anders, setzt aber noch viel Vorwissen voraus). Und so sind die HdV12 auch zu verstehen.
     
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  8. Farooq

    Farooq Erbsianerin

    Witzig, ich kenne weder steinbrecht, noch hdv?oder wie es heisst?und trotzdem haben wir, vermutlich mit wenig wissen, unreitbare, oder junge pferde, geritten!ich frage mich immer, wieso ihr immer soviel zerdenkt??
     
  9. nasowas

    nasowas Bekanntes Mitglied

    Ich finde sich mit der Theorie fundiert auseinandersetzen, auch die Historie der Reiterei betrachten und daraus Schlüsse ziehen alles andere als „zerdenken“. Das ist einfach ne theoretische Grundlage . Muss ja nicht jeder haben und wollen aber Theorie und „zerdenken“ sind nicht das gleiche.
    Und gerade für höhere Lektionen zb finde ich ein gewisses Verständnis der Theorie unbedingt notwendig .
     
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  10. Barrie

    Barrie Moderator Mitarbeiter

    Es gehen ja auch Leute in die Kirche ohne Theologie studiert zu haben....
    ..bin schon wieder weg :capitulate:
    Barrie
     
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